Hochwasser: Kardinal Woelki in Rheinbach - Interview

Woelki Hochwasser Predigt„Das Allerwichtigste ist jetzt, den Menschen zu helfen in ihrer unvorstellbaren Not“

Kardinal Woelki in Rheinbach zur aktuellen Lage und zur Hilfe der Kirche nach dem Hochwasser

Am Sonntag, 25. Juli, hat der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki mit vielen Gläubigen die Messe in St. Martin in Rheinbach gefeiert. Dabei verwies er auf die buchstäblich zum Himmel schreiende Not vieler Menschen nach dem Hochwasser. Zugleich lobte er die nie dagewesene Hilfsbereitschaft. In den Tagen zuvor hatte der Kardinal etliche Orte besucht, die besonders vom Hochwasser betroffen waren. Unter anderem war er in Flerzheim, wo er auch die Schäden und die Aufräumarbeiten an der Kirche St. Martin sah. Im Interview für das Rheinbacher MartinsEcho beschrieb er seine Eindrücke.

MartinsEcho: Herr Kardinal, Sie haben mehrere Tage die Hochwasserregion im Erzbistum Köln besucht. Was hat Sie besonders bewegt?

Kardinal Rainer Maria Woelki: Am meisten berührt hat mich die Not der vielen Menschen, die buchstäblich alles verloren haben – ihr Haus, ihre gesamte Existenz. Deren Lebenswerk in wenigen Stunden zerstört wurde – jedenfalls empfinden viele es so. Und von denen viele auch Angehörige und Freunde verloren haben. Das kann keinen kalt lassen. Was mich außerdem besonders bewegt, ist die unglaubliche Hilfsbereitschaft: Dass die Menschen füreinander da sind und einfach anpacken. Und das völlig unabhängig davon, ob und wie sie sich vorher gekannt und verstanden haben. Das macht – bei allem Leid – auch Mut und Hoffnung, dass das Gute und die Menschlichkeit am Ende doch stärker sind als alle Katastrophen.

MartinsEcho: Jetzt gibt es ja auch Menschen, die völlig verzweifelt sind und fragen, wie Gott so viel Leid zulassen kann. Was sagen Sie denen?

Woelki: Zunächst sind wir als Menschen zuständig und verantwortlich dafür, was wir tun und was wir unterlassen – das dürfen wir nicht einfach Gott in die Schuhe schieben. Er hat uns mit Verstand, Vernunft und einem freien Willen ausgestattet, und da haben wir offenbar in den letzten Jahren und Jahrzehnten vieles falsch gemacht, gerade was den Klimaschutz und Umweltfragen angeht. Da müssen wir dringend zusehen, dass wir das rasch korrigiert bekommen. Und ansonsten kann ich nur sagen: Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Gott auch im Leid und in der Not anzutreffen ist. Weil er sie in seinem Sohn am Kreuz auch selbst durchlitten und durchgestanden hat. Dass er uns Menschen auch in solcher Not nahe ist und wir am Ende nicht tiefer fallen können als in seine guten Hände, mit denen er uns halten und auffangen wird.

MartinsEcho: Was kann und muss Kirche jetzt tun in dieser Ausnahmesituation – kurz- und langfristig?

Woelki: Die Kirche tut ja im Moment sehr viel, vor allem in den Gemeinden vor Ort. Ich bin total begeistert, wie sehr sich so unglaublich viele Christen engagieren und mit anpacken. Auch die Kirchenvorstände, Pfarrgemeinderäte, die Pfarrcaritas, die Jugendverbände, die Malteser, Kolping, die Frauengemeinschaft und viele mehr organisieren eine Menge und stellen ganz viel auf die Beine an Solidarität, Nachbarschaftshilfe und echter Nächstenliebe. Dafür kann man nicht genug danken, denn hier wird Kirche ganz konkret lebendig. Im Erzbistum haben wir zudem einen Sonderfonds von 100.000 Euro an Soforthilfe aufgelegt, damit die Helfer arbeiten können und zum Beispiel Schaufeln, Besen oder andere Geräte anschaffen können, die am dringendsten gebraucht werden. Das Allerwichtigste ist aber jetzt, den Menschen zu helfen in ihrer unvorstellbaren Not. Langfristig müssen wir dann natürlich auch schauen, was in den Gemeinden alles kaputt gegangen ist – etwa Kirchen, Pfarrhäuser, Kindergärten, Büchereien, Schulen und vieles mehr. Dann müssen wir anfangen, wieder aufzubauen. Aber zuerst – und das ist das Allerwichtigste – müssen wir als Kirche, als Gemeinde bei den Menschen sein. Denn wenn die Schuttberge weggeräumt sind, der Schlamm aus dem Keller weg ist und das allergrößte Chaos beseitigt, werden ganz viele Menschen in ein großes Loch fallen und realisieren, was alles verloren ist. Dann müssen wir an ihrer Seite sein und sie nicht alleine lassen. Echte und gute Seelsorge ist da jetzt gefragt, und das ist eine Riesen-Aufgabe.

Interview: Gottfried Bohl

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