Von der Burgkapelle zur Pfarrkirche

Zitiert nach der Festschrift zum Abschluss der Renovierungsarbeiten "Pfarrkirche St. Ägidius Oberdrees", 1995

  • Vom Anfang bis 1740

    Innenraum vor 1920Innenraum vor 1920

    Oberdrees, auf geschichtsträchtigem Boden angelegt, ist unter dem Namen 'dreyse' 856 erstmals erwähnt1). Als Kirchort wird es im liber valoris, einer Abgabeliste der Pfarreien vom Jahre 1274, aufgeführt und wird um 1278 zum ersten Male urkundlich erwähnt2).

    Von der heutigen Bausubstanz der Kirche ist der Ostteil des Chores der Rest eines romanischen Baues aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts3). Es ist ein mittelgroßer Raum, den ein Tonnengewölbe überspannt und den eine von einer Halbkugel überspannte Apsis abschließt. Auf das hohe Alter dieses Teiles weist auch die Außengliederung der Apsis hin. Sie zeigt durch Rundbogen verbundene Lisenen, d.h. flache vorgelegte senkrechte Mauerstreifen, die fast bis zum Dachansatz emporreichen. Vermutlich war schon vor diesem steinernen Bau eine kleine, einfache Kapelle vorhanden. Sie dürfte nach damaliger fränkischer Bauweise in Fachwerk ausgeführt worden sein.

    1688 - die Jahreszahl steht auf dem Keilstein des rundbogigen Portals - wurde die Kirche unter Pfarrer Johann Stein (1640-1690) "von Grund auf neu aufgebaut, mit neuen Altären und anderem Zubehör ausgestaltet und konsekriert"4).

    Es war ein einschiffiger verputzter Bruchsteinbau mit Chor und vorgelegtem Westturm. Der wenig gegliederte Turm zeigt auf der Höhe der Glockenstube rundbogige Schallarkaden. Der achtseitige Turmhelm ist geschiefert. Ebenfalls geschiefert ist das Satteldach des Langhauses.

    Während die äußere Architektur von Chor und Turm heute im wesentlichen noch erhalten ist, ist das Innere des Langhauses inzwischen stark verändert worden. Von ihm liegt folgende Beschreibung des früheren Zustandes vor: "Im Innern umfaßt das Schiff fünf sehr gestreckte rechteckige Joche. Die Fenster liegen in tiefen, bis an den Boden reichende Nischen. Sehr komplizierte, hölzerne Netzgewölbe, deren hölzerne Rippen auf viereckige Konsolen auflaufen, überspannen das Langhaus. In der Längsachse geht eine Mittelrippe bis an den gedrückten Triumphbogen durch"5). Ganz ähnlich war das Gewölbe des abschließenden Chores gestaltet.

    Dem Stil der Zeit entsprechend, erhielt die Kirche eine barocke Ausstattung. Der Hochaltar war "ein großer guter Barockaufbau, mit zwei Türen, braun in Gold"6). Er nahm die ganze Chorbreite ein. Als Schmuck hatte er Putten und Rankenwerk.

    Hinter dem Hochaltar war die Sakristei eingerichtet. Erwähnenswert sind das noch erhaltene barocke Taufbecken aus Granit mit Messinghelm und einige Heiligenfiguren (Ägidius als Kirchenpatron, Mutter Anna, Ursula und Agatha). "Leider ist vieles von der alten Barock-Einrichtung der Pfarrkirche aus Unkenntnis des Wertes .....verloren gegangen"7). Selbst der Hochaltar ist nicht mehr vorhanden.

    Drei Glocken riefen zum Gottesdienst: die größte, im Jahre 1800 neu gegossen, die mittlere vom Jahre 1740 und die dritte ebenfalls aus dem Jahre 1740.

  • 1740 bis 1918

    Außenansicht vor 1920Außenansicht vor 1920

    Gegen Ende des 19. Jahrhunderts - die Kirche stand nun 200 Jahre - war eine umfassende Renovierung bzw. Vergrößerung unumgänglich geworden. Sie war "zu klein und in unwürdigem Zustande"9).

    Unter Pfarrer Christian Klein (1891-1897) und Pfarrer Dr. Ludger Bellenberg - beide hatten an eine Vergrößerung der Kirche gedacht - kam die Angelegenheit nicht sonderlich voran. Pfarrer Johannes Klein machte den Kirchbau zu seiner Lebensaufgabe.

    In einer Pfarrversammlung am 11.2.1912 fasste er die bisher gemachten Pläne und Vorstellungen zusammen (Kreuzbau, Anbau, vollständiger Neubau). Er selbst sprach sich für einen Neubau aus. In der Abstimmung fiel er mit seinem Plan durch. Bei der Visitation der Pfarrgemeinde am 10.6.1912 äußerte sich Kardinal Antonius Fischer, "es solle an der alten Pfarrkirche keine Reparatur stattfinden, sondern weiter für eine neue Pfarrkirche gesammelt werden"10).

    Am 7.11.1918 starb Pfarrer Johannes Klein an einer akuten Lungenentzündung. Sein sehnlichster Wunsch ging nicht in Erfüllung.

    Trotz der Schwierigkeiten, die er mit dem Kirchbau in der Gemeinde hatte, vermachte er für diesen Zweck testamentarisch aus seinem Vermögen ca. 50.000,- Mk. Für die damalige Zeit eine sehr hohe Summe.

    Drei Glocken riefen zum Gottesdienst: die größte, im Jahre 1800 neu gegossen, die mittlere vom Jahre 1740 und die dritte ebenfalls aus dem Jahre 1740.

  • 1918 bis 1921

    Außenansicht von der Friedhofseite vor 1920Außenansicht von der Friedhofseite vor 1920

    Pfarrer Heinrich Dieregsweiler, der auf Pfarrer Klein folgte, betrieb nun den Kirchbau mit aller Energie. Er schreibt: "Jetzt ist die höchste Zeit und letzte Gelegenheit zum Kirchbau; jetzt oder nie"11). Er war überzeugt, dass ein Anbau von zwei Seitenschiffen an der Nord- und Südseite die beste Lösung sei. Die Vergrößerung des Innenraumes auf das Doppelte reiche "auf Jahrhunderte hinaus"; denn das Tauf- und Sterberegister zeige für die vorausgegangenen 20 Jahre eine durchschnittliche Zunahme der Pfarrgemeinde "von kaum 4 Köpfen pro Jahr". Das Kirchengrundstück sei für den Anbau groß genug, und die vorhandenen Geldmittel seien ausreichend. Am 1.3.1921 waren 123.744,86 Mk vorhanden bei einer geschätzten Bausumme von ca. 200.000,- Mk.

    Pfarrer Dieregsweiler ließ nun vom Bonner Architekten Jakob Stumpf, der im Raum Rheinbach schon mehrere Kirchen gebaut hatte, einen Plan ausarbeiten. Diesen legte er am 29.12.1920 dem Kirchenvorstand vor und am 30.12.1920 der kirchlichen Gemeindevertretung. Beide Gremien stimmten dem Plan zu. Ein Mitglied des Kirchenvorstandes trat jedoch anschließend aus dem Kirchenvorstand aus, weil es die Verantwortung nicht mittragen könne. In der Neujahrspredigt 1921 stellte der Pfarrer den Bauplan als Neujahrsgeschenk der Pfarrgemeinde vor.

    Das Generalvikariat in Köln erteilte die Baugenehmigung am 16.3.1921, und der Provinzialkonservator stimmte am 23.3. zu. Die Genehmigung des Kreisbauamtes in Rheinbach ließ auf sich warten. Aus der Gemeinde Oberdrees war nämlich Einspruch gegen den Bau erhoben worden. Nach längeren Verhandlungen wurde der Einspruch verworfen und am 7.5.1921 eine Ausnahmegenehmigung gegeben. Sie war erforderlich wegen des Abstandes des Anbaues zum Nachbargrundstück.

    Im Mai 1921 begann der Bau. Das gesamte Baumaterial, Steine, Sand, Holz etc., kaufte Pfarrer Dieregsweiler persönlich an Ort und Stelle ein. Alle Hand- und Spanndienste leisteten Pfarrangehörige kostenlos.

    Folgende Firmen waren am Kirchbau tätig:

    • Erd- und Maurerarbeiten, Fußboden, Elektroarbeiten: Bauunternehmer Theodor Haybach, Rheinbach
    • Dachdeckerarbeiten: Dachdeckermeister Jacob Himberg, Bonn
    • Schmiedearbeiten: Schmiedemeister Friedrich Meyer und P. Brenner, Oberdrees
    • Schreinerarbeiten: Kunstschreinerei Franz Müllenbruck, Rheinbach
    • Zimmerarbeiten: Zimmermeister Johann Merzbach, Oberdrees
  • 1921 bis 1925

    Innenansicht nach der Renovierung 1922Innenansicht nach der Renovierung 1922

    Der Fußbodenbelag stammte aus den Sinziger Mosaikwerken. Ein kleiner Rest dieser Bodenplatten ist am Eingang zur Sakristei noch zu sehen.

    Damit das Gewölbe im neuen und alten Teil der Kirche einheitlich wurde, ersetzte man das hölzerne, mit Lehm beworfene Gewölbe des Langhauses durch ein neues massives Schwemmsteingewölbe. Damit erhielt die Kirche im Innern ein völlig neues Aussehen.

    Eine Besonderheit in der Innengestaltung der Kirche war die Einrichtung einer Kriegergedächtniskapelle auf der Männerseite im rechten Seitenschiff am Josefsaltar. Sie wurde von den Oberdreeser Vereinen gestiftet. Auf einer Granittafel waren die Namen der gefallenen Oberdreeser Männer des 1. Weltkrieges festgehalten. Das Fenster in Altarnähe zeigte ein Christusbild (Ecce homo) und am unteren Rande zwei Darstellungen, einen vor einem Bildstock betenden Krieger und einen sterbenden Krieger, dem ein Engel die Siegespalme reicht12). Als 1926 auf dem Platz an der Südwestseite der Kirche ein Ehrenmal errichtet worden war - die kirchliche Weihe erhielt es am 11. Juli 1926 - entfernte man die Gedenkstätte in der Kirche. Die Gedenktafel wurde im Eingang zum rechten Seitenschiff der Kirche angebracht. Die beiden Kriegerdarstellungen wurden aus dem Fenster herausgenommen.

    Die Innenausstattung der Kirche: Die Fenster, von Gerhard Jörres, Bonn, entworfen und ausgeführt, Altar mit Tabernakel von den Firmen Rooth, Bonn, und Müllenbruck, Rheinbach, gestaltet, Beichtstuhl und Kanzel, ebenfalls von Müllenbruck entworfen und gearbeitet, ferner Kinderbänke, Leuchter, Kronleuchter, Ewig-Licht-Lampe, all das wurde samt und sonders von Oberdreeser Bürgern geschenkt.

    Schließlich wurde an der Nord-Ostseite der Kirche eine helle, geräumige Sakristei angebaut mit darüberliegendem Paramentenraum und darunterliegendem Heizungskeller.

    Am 27.8.1922 wurde durch Weibischof Dr. Hermann Josef Straeter die Kirche eingeweiht und der Hochaltar konsekriert. Dieser Tag wurde für die Pfarrei zu einem besonderen und unvergesslichen Festtag. Mit Wagen und Reitern wurde der Bischof im Konvikt in Rheinbach (heute Vinzenz-Pallotti-Kolleg) abgeholt. Zwar stand ein Auto zur Verfügung, aber Pfarrer Dieregsweiler glaubte, es machten doch "ein schöner Landauer, von 6 Reitern in Gehrock und Cylinder eskortiert, einen ganz anderen Eindruck"13). Um 7.30 Uhr fand in der festlich geschmückten Kirche das Hochamt mit der Konsekration des Hochaltares statt. Mit einer Festversammlung am Abend des Tages im Saal Brauweiler, an der auch der Bischof teilnahm, schloss der Tag.

    Noch rechtzeitig vor der völligen Geldentwertung 1923 konnte der Kirchbau vollendet werden. In der Kirchenvorstandssitzung am 11.6.1923 wurden Einnahmen und Ausgaben für den Kirchbau mit 515.042,18 Mk festgestellt. Das Protokoll hielt dazu fest: "Sämtliche Forderungen sind beglichen, das geliehene Kapital von 65.000 Mk zurückgezahlt, kein Pfennig Schulden lastet mehr auf dem Bau."

    Pfarrer Heinrich Dieregsweiler wurde am 20.5.1925 zum Generalsekretär der Pax-Vereinigung Köln ernannt. Am 4.6.1925 verließ er Oberdrees. In seiner Abschiedsansprache wünschte er dem Kirchenvorstand und der gesamten Pfarrgemeinde Gottes reichen Segen, vor allem, "daß es Oberdreees bald gelingen möge, die neuen Kirchenbänke, neue Glocken und eine neue Orgel zu erhalten."14)


    1. H. Ort: Die Bedeutung des Prümer Urbar von 893/1222 für Rheinbach, in "Kultur und Gewerbe",Stadt Rheinbach 11/1993, S. 19
    2. P. Heusgen: Die Pfarreien der Dekanate Meckenheim und Rheinbach, Köln 1926, S. 302 f. 
    3. P. Heusgen: a.a.O. S. 303
    4. P. Heusgen: a.a.O. S. 303
    5. E. Polaczek: Die Kunstdenkmäler des Kreises Rheinbach, Düsseldorf 1898, S. 126
    6. E. Polaczek: a.a.O. S. 126
    7. F. J. Habitz: in "Unsere Heimat", Beilage der Kirchenzeitung des Erzbistums Köln, 5.11.1961
    8. E. Polaczek: a.a.O. S. 126
    9. H. Dieregsweiler bei Heusgen: a.a.O. S. 303
    10. J. Klein, Pfarrarchiv Oberdrees, 11. H., Dieregsweiler, Pfarrarchiv Oberdrees
    11. H. Dieregsweiler: a.a.O.
    12. H. Dieregsweiler: a.a.O.
    13. H. Dieregsweiler: a.a.O.
    14. H. Dieregsweiler: a.a.O.
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